Kollektiv-ignoranter Egoismus

Die Pest hat die Welt verändert. Die Cholera ebenso. AIDS hat uns massiv aufgerüttelt - wie jede Form von Krebserkrankung. Naturkatastrophen kommen nicht nur mit Wirbelstürmen und Tsunamis daher, sie wirbeln unser Weltmark ins Chaos und rütteln an den Grundpfeilern des Planeten. Dazu die Klimaveränderungen. 

Lassen Sie mich einmal laut nachdenken über die monumental-globalen Veränderungen, die sich ab 2020 für uns alle ergeben werden...Wenn Sie das nicht lesen möchten, dann wünsche ich Ihnen einfach einen schönen Tag. Genießen Sie die frische Luft und seien Sie dankbar, dass Sie diese gerade einatmen können, es sei denn... Sie sind Raucher und verpesten nachher auf dem Weg das Wenige an Luft, das ich für meinen bescheidenen Betriebsmodus in Anspruch nehmen möchte.

 

Ah, Sie lesen doch weiter. Danke für das Interesse.

 

Es sind nicht die Hamsterkäufe von Toilettenpapier, die uns nachdenklich machen sollten, obgleich hierin sich das egostische Grundverhalten mancher Menschen auf erstaunliche Weise zeigt, vor allem hierzulande, wo es uns an nichts mangelt. Länder wie Afrika oder Indien haben nämlich ganz andere Probleme. Aber die sind ja weit weg, und mit Geld kann man die ja beruhigen. Falls die Ärmsten was davon abbekommen...

 

Das Corona-Virus hat unsere menschlichen Beziehungen und die Grundbedürfnisse der Menschheit noch einmal neu in Frage gestellt. Der Psychologe Klaus Grawe hat bereits 1998 in seiner sog. "Konsistenztheorie" die vier Grundbedürfnisse des Menschen auf den Punkt gebracht. Die Konsistenztheorie geht von einer Grundstimmigkeit wesentlicher "Bausteine" in der Psyche des Menschen aus, die das Zusammenleben aller und das Wohlergehen des Individuums ermöglichen.

 

Da ist zunächst das Duett von "Orientierung und Kontrolle". Worauf hin richten wir uns aus? Was verleiht unserem Leben Sinn? Wie können wir das, was wir erleben, kontrollieren? Viele Menschen leiden unter enormer Angst, wenn sie die Kontrolle verlieren. Man kann es mit einem Autofahrer vergleichen, der bei regenasser Fahrbahn ins Schleudern kommt. Stellt sich also die Frage: Was wäre vor 20 oder 30 Jahren gewesen, als wir medizinisch noch nicht dort waren, wo wir heute sind? Wie vernichtend hätte Covid-19 damals unser Leben geschlagen?

 

Das zweite Duett der Grundbedürfnisse ist "Lustgewinn bzw. Unlustvermeidung". Es gibt nichts Schöneres als Urlaub, Feierabend und ausgelassene Freude - in Gemeinschaft. Was aber, wenn wir nicht feiern dürfen, nicht dorthin reisen dürfen, wo wir hinwollen? Wenn uns die Lust vergeht, überhaupt aus dem Haus zu gehen, weil wir nun alle "vermummt" hinter einer Maske unser Dasein fristen - wo wir uns doch vor nicht allzu langer Zeit noch Gedanken über bestimmte religiöse Kleidungsstücke machten und wie sehr diese "Vermummung" nicht in unsere Gesellschaft passe... - was in Gottes Namen macht uns dann noch glücklich?

 

Grawe nennt als drittes Bedürfnis die "Bindung" - Es geht dabei um Beziehung, Anbindung und Verbindlichkeit. Letztlich ist das soziale Netzwerk gemeint, aber eben nicht virtuell. Was wäre eigentlich gewesen, wenn Covid-19 sich bereits in den 70er oder 80er Jahren ohne Internet und Mobilfunk breit gemacht hätte? Wie vereinsamt wäre dann unsere Welt gewesen? Wären Demonstranten noch unvorsichtiger auf die Straße gegangen in den bunten Klamotten und breiten Hosen der wilden 70er und 80er?

 

Schließlich das vierte Duett an Bedürfnissen: "Selbstwerterhöhung und -schutz" Es braucht nicht erst eine Erziehung, in der ich vernachlässigt werde, oder in der Eltern bzw. nahestehende Personen meine Existenz als minderwertig herabstufen ("Du kannst das eh nicht!" oder "Aus dir wird nie etwas!") Nein, es genügt, dass ein kleines Virus mein Leben in Gefahr bringt. Einmal husten, einmal nießen reicht vollkommen aus, um mir zu zeigen, dass mein ganzes Dasein lebensbedrohlich ins Wanken gerät, und mein Selbst den Boden unter den Füßen verliert, psychisch wie physisch.

 

Covid-19 hat die Welt und mein, dein, unser Leben verändert. Von "Corona" zu sprechen klingt fast schon so, als würde ich zärtlich von einer Freundin sprechen. Aber die neue Seuche heißt Covid-19. Was wir jetzt brauchen, ist tatsächlich ein grundsätzliches Nachdenken über das "globale Dorf" namens Menschheit. Was ist der Mensch? Was brauchen wir als Menschen? Ein zweiter Humanismus steht ins Haus! Unsere derzeitigen Schauplätze von Kriegen und politischen Streitigkeiten sind die hässlichen Gesichter eines kollektiv-ignoranten Egoismus mit Sponsoring by Kapitalismus. Aber das war in dieser Welt wohl schon so, als wir Jäger und Sammler waren, denn auch da schaute jede Sippe erst einmal, dass sie durch den Winter kam und die eigenen Mäuler (sprich "Geldbeutel") stopfte.

 

Wie kommen wir aus der Mausefalle raus? Und ... was ist, wenn wir draußen sind? Könnte es nicht sein, dass wir eine zeitlang achtsamer sind - und dann ebenso wieder in den alten Trott zurückfallen, wie ich es bei mir selbst erlebe, wenn ich beim Arzt war, dessen Mahnungen für einige Wochen oder Monate befolge, dann aber wieder auf das alte Pferd umsattle? Eine konsensfähige (alt)kluge Antwort habe ich leider nicht. Denn: Ich kann nur MICH ändern. Ich kann nur achtsam sein im Umgang mit MEINEN Leben und dem meiner MITMENSCHEN MEIN Verhalten kann ich anpassen, korrigieren. Und: Ich muss Verantwortung für MICH und MEIN Handeln mit allen Konsequenzen übernehmen. Aber vielleicht hat jemand von Ihnen eine Idee - außer die schon langweilige Antwort von der "demokratisch gewählten Diktatur" unserer Verschwörungsanhänger und Weltuntergangsdemagogen.

 

Rainer M. Müller (c) 2020