SEHR SELTSAM

"Dann, einer nach dem anderen, sind sie auf magische Weise verschwunden, als Überraschungs-Wahlzettel gezählt wurden. Sehr seltsam." Das schrieb der noch amtierende amerikanische Präsident auf Twitter. Er beschreibt damit, dass über Nacht die Stimmenzahl sich während der Auszählung zu Gunsten seines Kontrahenten Biden verschoben.

 

Ehrlich gesagt: Ich finde es Sehr seltsam, wie sich der amerikanische Präsident nun gebärdet, wenn er sogar gerichtlich erreichen will, dass man das Auszählen von Stimmen einstellt. Er wird damit juristisch nicht durchkommen, denn ausgerechnet sein Supreme Court hat noch vor wenigen Wochen entschieden - mit republikanischer Mehrheit der Richter - dass die Briefwahl gültig ist, wenn das Datum des Poststempels der 3. November 2020 ist. Was erwartet sich Trump nun?

 

Je mehr ich das pseudodemokratische Wahlgeschehen in den USA beobachte, umso mehr kommt mir der Gedanke, dass sich hier Dinge wiederholen, die wir in unserer deutsch-europäischen Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon einmal erlebten. Da versuchte auch jemand krampfhaft und mit allen Mitteln an die Macht zu kommen; noch mehr: Er wollte um jeden Preis im weltweiten Sessel des Absolutismus Platz nehmen. Die Folgen waren ein Weltkrieg und Millionen von Toten. Ich weiß, man darf ja als Deutscher nicht laut Kritik äußern. Sofort rutschen wir automatisch in den braunen Sumpf der Erinnerung, sind dann "Nazis" oder eben nur "typisch deutsch." Aber war Donalds Großvater nicht ein Deutscher? Ich erlaube mir also quasi gewissermaßen, etwas von Landsmann zu Landsmann zu sagen.

 

Ernsthaft: Was aber, wenn wir Deutsche aufgrund dieser Erfahrung politisch besonders sensibilisiert sind? Wenn wir aus der Geschichte tatsächlich gerlernt haben, dass man Menschen nicht für dumm verkaufen soll und darf, dass Demokratie nicht nur aus zwei Parteien besteht, die gegenseitig nur um eines streiten: Machterhalt? Was, wenn wir gelernt und begriffen haben, dass wir den "Anfängen wehren" müssen, wie es schon der römische Dichter Ovid kundtat? Doch Ovid warnte deshalb, den "Anfängen zu wehren", weil es in seinen Augen gefährlich war, sich zu verlieben. Doch Donald Trump hätte man in seiner Kindheit warnen müssen, sich in sich selbst zu sehr zu verlieben!

 

Was gestern Nacht geschah und heute den ganzen Tag in den USA geschieht, ist - wie der Präsident als Person selbst  - SEHR SELTSAM. Es geht schon lange nicht mehr um politische Inhalte, sondern um das, was schon der kleine Donald als Kind und Jugendlicher beherrschte: Manipulation - Diskreditierung - Lüge. Die Quelle: Seine Nichte, Mary L. Trump, offenbart in ihrem Buch "Zu viel und nie genug. Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf" viele Details aus Kindheit und Jugend des jetzigen Präsidenten. Eigentlich, so sage ich mir, soll man ja seine eigenes Nest nicht beschmutzen. Daher bin ich zunächst auch kritisch an das Buch herangetreten. Handelt sie aus Rache, aus Neid, aus Kränkung? - Das fragte ich mich. Doch die Nichte von Donald Trump ist Psychologin und schämt sich - so schreibt sie - für ihren Namen, schämt sich wegen ihres Onkels. Und: Sie will die Menschen davon abhalten, diesem Mann noch einmal die Bühne zu bereiten. Aber er wartet ja erst gar nicht, bis sie ihm bereitet ist. Er nimmt sie einfach in Besitz und schubbst dazu auch andere zur Seite, wie bei den ein oder anderen politischen Gipfeltreffen zu sehen ist.

 

Nein, Donald Trump kann gar nicht anders. Seine Persönlichkeit lebt davon, im Mittelpunkt zu stehen, narzisstisch die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie eine Straßenlaterne im Sommer die Fliegen anlockt. Er muss umgarnt werden. Er muss bejubelt werden. Nur so glaubt er, was er sich und anderen vormacht. Deshalb lügen auch alle anderen und verbreiten "fake news". Das ist seine Weltsicht. Eine gestörte Wahrnehmung.

Denn dahinter steht jemand, der wahnsinnige Angst hat, ein NIEMAND zu sein. Einer, der unter einem Minderwertigkeitskomplex leidet, weil sein Vater ihm kaum Beachtung schenkte. Einer, der sich hocharbeiten musste, immer beweisen musste, dass er JEMAND ist. Dahinter steht einer, der sein ganzes Leben auf einer einzigen Lüge aufbaut: Ich bin perfekt, ich bin besser als alle anderen. Deshalb muss auch Amerika ganz "first" sein.

 

Letztlich wird er von Versagensangst gesteuert und jeder Stimmzettelt, auf dem nicht sein Name steht, ist ein Schlag ins Gesicht, eine Fortsetzung von Kränkungen, die in seine Kindheit zurückreichen.

Wenn er tatsächlich nach Abschluss der Auszählung zum zweiten Mal als Präsident der USA proklamiert wird, dann hat nicht die Demokratie gewonnen. Dann haben nicht die Wählerinnen und Wähler einen neuen Präsidenten gewonnen. Dann hat nicht die USA einen neuen Präsidente, der das Land regiert. Nein, einzig Donald Trump und sein EGO haben gewonnen. Und ich mutmaße: Wenn er könnte, würde er sogar die Verfassung ändern, so dass er auf Lebenszeit Präsident bleibt. Denn ohne Amt, ohne seinen Namen, ohne sein Kapital, ohne seine Lügen - ist er ... ja - was oder wer ist er eigentlich?
Einer, der psychisch krank ist? Der ein Soziopath ist?

 

Die Demokratie hat längst in den USA verloren. Nur die Lüge hat gewonnen.

Das ist tatsächlich SEHR SELTSAM!

Rainer M. Müller
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