Kommt am Ende wirklich einfach "nischd"?

"Tot ohne Gott" - so lautet ein Buchtitel (2019) von Franz Josef Weltz. Der Untertitel: "Eine neue Kultur des Abschieds". In seinem Werk umkreist der Professor für Philosophie und Ethik in Schwäbisch Gmünd die großen Themen um unser Sterben und den Tod. Von der Sehnsucht nach Unsterblichkeit bis zur Illusion der Auferstehung und der nackten Tatsache, dass letzten Endes nichts bleibt. All das bringt er ins Wort. Nachdenklich, provozierend, nüchtern.

 

Damit greift er mit seinen Worten auf, was ich einst bei einem  Trauerbesuch in Thüringen erlebte, als mir der Ehemann einer Verstorbenen sagte, dass das "danach" des Todes für ihn so sei, wie wenn er abends im Schlafzimmer das Licht ausknipse. "Dann ist einfach nischd." Traurige Gewissheit? Ängstliche Vorahnung?

 

Wir wissen es nicht. "Alles, was ich weiß, ist, dass ich bald sterben werde, aber was der Tod selbst ist, das weiß ich am wenigsten", so zitiert Weltz in seinem Buch Blaise Pascal. Hört unser Leben wirklich einfach nur auf? Stößt uns der Tod wirklich nur in "das Stumme" hinein, wie Rainer Maria Rilke es schreibt? Oder bleibt irgendwo ein "Restchen vom Ich"?

 

Am vergangenen Montag verfolgten 3,88 Millionen Zuschauer in der ARD das Kammerspiel "GOTT" von Ferdinand von Schirach. Darunter viele junge Menschen, wie man der Quotenmessung mittlerweile entnehmen kann. Ferdinand von Schirach wählte ein heißes Thema: Tod auf Verlangen bzw. aktive Sterbehilfe. 70,8% der Zuschauer votierten am Ende der Sendung dafür, dass die fiktive Gestalt des 78jährigen Architekten Richard Gärtner das gewünschte todbringende "Mittel" (für sich!) doch erhalten solle - aus der Hand des Arztes (oder von wem auch immer). Er habe ein Recht auf den Tod, auf die Freiheit auch im Sterben. Auch die anschließende Diskussion "Hart aber fair" verfolgen noch 3,34 Millionen Menschen, darunter wiederum viele junge Menschen.

 

Seit meiner Erfahrung vor fast zwei Jahren mit einem querschnittsgelähmten 25jährigen Mann aus Thüringen, der freiwillig und mit einer unglaublichen Disziplin den Hungertod wählte (eben weil ihm seine Eltern die Sterbehilfe in der Schweiz unmöglich machten, zwei Suzidversuche nicht gelingen wollten / sollten) trage ich andere Gedanken in mir, als ich sie sonst als Theologe hatte. Zwar würde ich noch immer einen Menschen davon zu überzeugen versuchen, dass das Leben etwas von ihm erwartet (Viktor Frankl), aber bei jedem schwerkranken und todgeweihten Menschen habe ich absoluten Respekt und Verständnis, wenn er oder sie irgendwann sagt: "Ich kann nicht mehr! Ich möchte sterben!" Wie oft habe ich als Seelsorger alte und kranke Menschen erlebt, die mir sagten: "Warum holt mich Gott nicht? Warum darf ich nicht sterben?" - aber ich bin mir nicht sicher, ob irgendjemand von diesen Personen jemals eine aktive Sterbehilfe angefordert hätte. Hier war der Glaube und die Beziehung zu Gott noch ein zentrales Rettungsseil.

 

Doch was passiert, wenn immer mehr Menschen den Glauben verlieren, wenn Gott immer weniger Platz in unserem Leben hat? Wenn wir nicht nur religiös "unmusikalisch" werden, sondern wenn wir Gott für tot erklären und Religion in der Bedeutungslosigkeit verschwindet? Könnte es sein, dass dann das passiert, was Weltz in seinem Buch schreibt, dass wir dann Menschen ohne eine Hoffnung zu Grabe tragen - ohne einen wirklichen Trost, dass das Hier und Jetzt nicht einfach alles war und alles zugleich "aus und vorbei" ist? Die Worte des schon zitierten Ehemannes gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. "Einfach nischd." Das ist so endgültig, trostlos, schwarz, leer. Als würde ich von dunkler Materie in ein riesiges Loch verschluckt werden. "Wenn ein geliebter Mensch geht, fällt unweigerlich eine Tür zu, hinter der schmerzhafte Erinnerungen zurückbleiben. Die Anwesenheit des Abwesenden stürzt den Trauernden in tiefe Einsamkeit", schreibt Weltz. Und das war im Kammerspiel der Grund, weshalb auch Richard Gärtner den Tod wollte. Ein Leben ohne seine Frau ... unmöglich in seiner Vorstellung.

Als Gestalttherapeut kommen mir andere Gedanken. Die "Gestalt" als Metapher für den Kreislauf des Lebens muss sich auch in unserem eigenen Leben schließen. Wo sie offen bleibt - wird es unerträglich, der Verlust geradezu quälend. Doch zum Schließen der Gestalt gehört die Trauer, das Loslassen, das Verzeihen und auch die Liebe, die dem anderen ermöglicht gehen zu dürfen, obwohl und weil ich ihn liebe! Ob es im Kammerspiel bei Herrn Richter eine Anpassungsstörung war oder eine posttraumatische Belastungsstörung, die ihn psychisch länger verfolgte, als es psychotherapeutische Zeiteinteilungen uns weißmachen wollen? Letztlich geht es immer darum, dass wir trauern, loslassen, verzeihen und weiter gehen.

 

Ich habe mich während des Kammerspieles "GOTT" zwei Dinge gefragt: Könnte ich tatsächlich einem Menschen auf Verlangen ein "Mittel" reichen, damit er sterben kann - selbst wenn er oder sie nicht schwer krank ist? Und: Würde ich sterben wollen, ohne die Hoffnung auf einen Gott, der mir eine andere Dimension meines Daseins erschließt? Auf beide Fragen antworte ich mit einem klaren Nein. Warum? Weil ich das Leben liebe und die Menschen, die mir anvertraut sind. Weil ich weiß, dass mein Leben einen Sinn hat - auch wenn ich noch nicht so genau weiß, worin er besteht. Weil ich darauf hoffe, dass am Ende meines Lebens jemand an meiner Seite sitzt, der mir die Hand hält, damit ich sie irgendwann auch loslassen kann. Der Tod ist eben ein Teil meines und deines Lebens. Selbst, wenn am Ende wirklich "nischd" käme, so habe ich dann doch das Hier und Jetzt hoffnungsvoll gelebt. Mit welcher Hoffnung aber lebt jemand jetzt, der sein Leben lang an "nischd" glaubt?

Rainer M. Müller, www.erfuellterleben.com