Wenn Engel und Viren fliegen...

Da lese ich bei WhatsApp am frühen Morgen des heutigen Tages die Mitteilung eines befreundeten Ehepaares:

 

"Wir sind heute Morgen schon am diskutieren. Der Anlass ist ein Artikel, in dem steht, dass 40% der muslimischen Franzosen ihre religiösen Überzeugungen über die Werte der Republik stellen. Mein Mann sagt: Man muss alle weltlichen Vorgaben kritisch hinterfragen und im Zweifelsfall mehr auf Gott hören."

 

Spannender Ausgangspunkt. Zugleich eine spannende Frage, die sich dahinter verbirgt. Muss man nicht Gott mehr gehorchen als dem Menschen? Steht so in der Bibel. Korrekt. Aber: Es ist kein Wort Jesu, es ist die Antwort des Petrus vor dem Hohen Rat, d.h. einer religiösen (jüdischen) Instanz, nämlich der Tempel-Institution. In der Apostelgeschichte 5,21-42 werden die Jünger Jesu und allen voran Petrus gerügt, weil sie gegen eine religiöse Auflage verstoßen haben: Sie hätten nicht im Namen Jesu lehren bzw. predigen dürfen. Es ist also nicht der Staat, vor dem sie stehen und sich verantworten müssen. Und es geht auch nicht um den Verstoß einer staatlichen Auflage oder um ein staatliches Gesetz.

 

Der Grundsatz "Gott steht über dem Staat" gilt allenfalls in autoritären islamischen Systemen, wie es umgekehrt politische Ideologien in entsprechenden Diktaturen auch einfordern: Das politische "System" bestimmt dort die Weltanschauung.

 

Abgesehen von politischen Ideologien untermauert die Bibel an zwei Stellen sogar den Vorrang des Staates vor dem religiösen System. Einmal stellen die Tempel-Verantwortlichen Jesus in Jerusalem die Frage nach der kaiserlichen Steuer: Ist es erlaubt, Steuern zu zahlen? (vgl. Markus 12,17). Jesus lässt sich eine Münze zeigen, betrachtet sich beide Seiten und sagt: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, gebt Gott, was Gott gebührt." Damit ist für ihn eine Differenzierung vollzogen. Man muss im Grunde von einer Trennung zwischen Staat und "Kirche" sprechen.


Das findet bei Paulus im Römerbrief eine weitere Unterstützung. Er schreibt an die christliche Gemeinde in der kaiserlichen Zentrale von Rom seinen Brief. Darin führt er im 13. Kapitel aus: "Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen." (Römerbrief 13,1-2). Hintergrund für Paulus ist hier sicher der Moment, in dem Jesus gegenüber Pontius Pilatus vor seiner Verurteilung zum Kreuzestod sagt, dass dieser (Pontius Pilatus als röm. Statthalter des Kaisers) keine Macht hätte, wenn sie ihm nicht "von oben" gegeben wäre. Jetzt kann man natürlich überlegen: "Macht von oben" - heißt das: von Gott oder vom Kaiser in Rom? Ich plädiere für zweitere Variante und widerspreche Paulus. Warum? Weil Jesus damit Pilatus aufzeigt, dass alle Macht immer von einer höheren Instanz kommt. Paulus leitet daher ab: Die weltliche Instanz ist nur ein Abbild der göttlichen Macht- und Kompetenzuteilung. Das passt natürlich nicht auf ein demokratisches System, denn hier ist kein Politiker "von Gottes Gnaden" an der Macht, sondern durch den Willen des Volkes. Anders in religiösen Systemen ("Gottesstaat"). Auch in der Nazidikatur glaubte ein A.H. , er sei der "Messias" - welch ein Irrtum. Also ... ist hier Vorsicht geboten, wie argumentiert wird.

So kann Paulus fortfahren: "Deshalb ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben. Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, Steuer, wem ihr Steuer schuldet, Zoll, wem ihr Zoll schuldet, Furcht, wem ihr Furcht schuldet, Ehre, wem ihr Ehre schuldet!" (Römerbrief 13, 5-7). Jedem das Seine, gewissermaßen. Und das gilt auch für Muslime: Was auch immer sie glauben und aus dem Koran herauslesen - es ist dem Staat untergeordnet. Und wer in einem westlich-demokratischen Staatssystem nicht leben will hat die Freiheit in ein Land zu ziehen, wo alles so ist, wie er sich das gerne wünscht. Niemand wird ja gezwungen, in Europa zu leben. Keiner wird genötigt, von den staatlichen finanziellen Unterstützungen zu profitieren, wenn er  irgendwo anders noch viel bessere Lebensbedingungen vorfindet. Aber was für Muslime gilt, gitl auch für alle anderen Gläubigen - gleich welcher religiösen Zugehörigkeit.

 

Kameraschwenk ins katholische Bayern: Wenn wir also jetzt die Diskussion bayrischer Bischöfe erleben, die darüber unglücklich sind, dass der Landesfürst Söder die Ausgangssperre an Heilig Abend nicht lockern will, sondern für ALLE fordert, dass um 21:00 Uhr Schicht im Schacht ist, dann gilt das auch für alle. Denn in erster Linie sind wir in Bayern "Bürger" - nicht Gläubige. Es ist nicht reine und private Söder-Willkür - auch wenn AfD-Anhänger, Querdenker und ewig-gestrige Verschwörer das so deuten, sondern die Zahl der an Corona Verstorbenen plus Infizierten ist das unbedingte "Muss" des Gewissens, das uns dies hoffentlich einsichtig macht.

 

Ehrlich gesagt: Die vergangenen zwei Jahrzehnte als ehemaliger Seelsorger haben mir gezeigt, wie heuchlerisch doch vielerorts die pseudo-christliche Weihnachtspraxis ist! Die Argumente "es gehört dazu",  "weil es so schön ist", "es war doch schon immer so" stelle ich vehement in Frage. Ist das ernsthaft die Argumentation, weswegen Menschen zur Christmette gehen? Und wie viele sind denn tatsächlich noch losmarschiert? Viele hatten - wenn wir ehrlich sind - keinen Bock, sich noch mal um 22 oder 23 Uhr auf den Weg zu machen, die Bäuche zuvor angefüllt mit Braten, Spirituosen und Plätzchen, um einer - wie auch immer gearteten - Predigt und einem manchmal seltsam anmutenden Gesang des schon aussterbenden Kirchenchores zu lauschen! Oder womöglich predigte der Pfarrer nicht mal, weil... ja eh alles gesagt ist und die Leute auch nicht zu lange in der Kirche sitzen sollten. Dann schaue ich mir lieber einen schön gestalteten TV-Gottesdienst an, singe mit Rudolf Schock zu Hause ein paar Weihnachtslieder und lese mir auf saarländisch das Weihnachtsevangelium vor.

 

Nein, wer zum Gottesdienst will, darf das gerne tun, Angebote gibt es genügend. Der Trend zeigte eh: Die allermeisten auch der älteren Menschen (die im Dunkeln nicht gerne auf die Straße wollten) nutzten die 17-Uhr-Krippenfeier mit all den Kindern, um ihrer "Pflicht" zu genügen. Wer will, sucht sich eine Gelegenheit, und sei es, dass er sich im Internet für einen TV-Gottesdienst per Live-Stream entscheidet. Und wer um Mitternacht noch auf den Beinen ist, kann mit Papst Franziskus im TV persönlich feiern. Keinem entgeht hier was - außer das Husten, Nießen und alles, was an Viren in der Heiligen Nacht neben den Engeln durch den Kirchenraum fliegt.

 

(c) 2020 by Rainer M. Müller, www.erfuellterleben.com