Das Ultraschallbild von Betlehem

Etwas Nostalgie kommt schon hoch. Der Heilige Abend bei uns daheim - vor 40 Jahren. Am späten Nachmittag: Kinderkrippenfeier in einer rappelvollen Kirche (damals noch ohne Abstandsregel). Dann Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat, Limo dazu. Umziehen, fein rausputzen. Endlich! Das Glöckchen aus dem Wohnzimmer! Hinter dem Milchglas leuchtend flackernde Lichter. Der Tannenbaum war geschmückt, (echte!) Kerzen darauf brannten. Daneben in der Ecke: ein 10-Liter-Eimer gefüllt mit Wasser. Für alle Fälle. Auf dem Plattenspieler lief "Rudolf Schock - Weihnachten". Ich durfte rein kommen. O Tannenbaum! Kinderaugen. Plätzchen - endlich! Denn in der Adventszeit durften wir keine essen (außer, wir haben sie auf dem Balkon aus den Metalldosen geklaut). Dann Bescherung. Mutter und Oma trinken ein Glas Wein. Zweite Seite der LP mit Rudolf Schock. Am Ende "O du Fröhliche". Artig Danke sagen. Neuer gelber Pullunder. Neue Socken. Neue Lokomotive HO für  Märklin Eisenbahn. Von Oma. Musste ich aber vorher in der Stadt selbst kaufen. Dazu ein paar Süßigkeiten - aber: "Nicht alle auf einmal essen!", mit Zeigefinger - mahnend wie ein Turm. Dann neue Langspielplatte: Die Fischerchöre. Erster Song: "Weihnachten, Weihnachten, bin ich zu Haus..."  Tränen rollen. 

(hier zu hören: https://www.youtube.com/watch?v=paqgOEIO5Bg)

 

Spätestens jetzt kommen auch mir beim Schreiben die Tränen. Zeitsprung in das Jahr 2020. Nix da mit Weihnachten. Also nix mehr so, wie es mal war. Klar, mein Zuhause, jetzt und hier in Passau, zu zweit, harmonisch (wahrscheinlich...) und schön. Doch kein Besuch im Saarland oder aus dem Saarland. Ich sehe weder Brüder, noch Schwägerinnen, noch Nichte mit Freund, noch Neffe mit Freundin. Alles still, dieses Jahr. Stille Nacht. Stille Nächte. Für viele Menschen.

 

Das Lied "Weihnachten, Weihnachten bin ich zu Haus" ist - wenn meine Erinnerung nicht täuscht - ein Kriegslied. Es beschreibt die Hoffnung der Heimkehrer, an Weihnachten doch wieder zuhause sein zu können. In diesem Jahr hat dieses Lied für mich eine besondere Färbung: Ganz viele Menschen können nicht zuhause bei ihrer Familie sein: Ärzte und Pflegekräfte, die jetzt für viele Patienten in den Kliniken und Pflegeheimen ihren Dienst tun... Alte Menschen, die wir als Risikogruppe schützen müssen... Und die vielen Einsamen, Alleingelassenen... 

Es wird anders, doch die Botschaft von Weihnachten bleibt Jahr für Jahr gleich. Sie berührt, weil sie an das tiefste Geheimnis unseres Menschseins rührt. Oft genug durfte ich Ultraschallbilder von Embryos glücklicher, werdender Eltern sehen. Irgendwann kam dann die Nachricht mit einem Foto: "Heute um 13:20 Uhr ist unser Jakob geboren." Darauf zu sehen: Glückliche Eltern, der Erdneuling und zu spüren: Dankbarkeit und große Freude. 

 

Das Lukasevangelium erzählt uns auch von der Geburt eines Kindes. "Es begab sich aber... " Lukas erzählt von einem Stern, der viel Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Doch das Foto von Betlehem hat sich in unser Gedächtnis eingraviert: Das Kind in der Krippe, Josef und Maria, die Tiere im Hintergrund, eine Laterne an der Decke. Weihnachten eben. Nur Schnee - weit gefehlt!

 

Weihnachten hat nichts mit Romantik zu tun, sondern mit der Hoffnung, dass wir nicht im Stich gelassen werden in diesen Tagen. Wie die Geburt eines Kindes der Familie Zukunft verheißt, so verheißt Weihnachten Jahr um Jahr, dass das Leben weitergeht - sogar mit und nach einem Virus. Corona hat uns Menschen an eine Grenze geführt. Es hat auch unsägliches Leid hervorgerufen. Aber wie der Stern von Betlehem präge ich mir das Ultraschallbild tiefer ins Herz: Egal, was passiert und noch kommen mag, in mir trage ich die Hoffnung wie Frauen ein Kind in sich tragen, dass wir Menschen das gemeinsam schaffen, wenn wir Egoismus und Kapitalismus und jede Form von Rassismus in den Griff bekommen. Das Kapital steht im Dienst der Menschheit, es darf nie unser Gott werden. Rassismus muss ein Ende haben - wir Menschen sind in unserer Würde gleich! Egoismus, der macht krank. Psychisch krank. Denn wir drehen uns letztlich nur im Kreis. Bis wir vor Eigensucht durchdrehen. Nein, Schluss damit! Fahren wir 2021 das Betriebssystem wieder hoch. 2020 legen wir irgendwo ab. War kein so gutes Jahr. Braucht keiner mehr. 

 

(c) 2020 by Rainer M. Müller, www.erfuellterleben.com 

Foto: ChurchAds.net, Quelle: https://www.kirche-und-leben.de/artikel/ein-adventliches-bauchgefuehl (Stand: 23.12.2020)