Kollabieren ist keine Lösung

Der Schnee auf den Ästen unserer Bäume und Sträucher im Garten sieht nur auf den ersten Blick schön aus. Wie überhaupt... die Weite der weißen Winterlandschaft trügerisch sein kann. Schneemassen sind gefährlich, das wissen die Menschen in alpinen Ländern nur zu gut. Wo eine Lawine abgeht und Schneebruch ganze Bäume zum Einsturz bringt, da ist Schnee eben nicht mehr lustig. Als körperliche Ertüchtigung am frühen Morgen mag das Schneeräumen noch einen Gewinn mit sich bringen, aber wo Schnee auch zur psychischen Belastung wird, da sieht die Lage anders aus.

 

Genauso geht es vielen Menschen zur Zeit: Corona bringt unser Nervengerüst an den Rand des Zusammenbruchs; die Arbeitsplatzsituation ("Homeoffice") treibt Menschen in einen emotionalen Schneebruch hinein; die Krankenhäuser ersticken unter der Fülle der Patienten, wie andere, die unter einer Lawine begraben werden. Die Politik kommt mit dem "Räumen" nicht mehr her, d.h. Verordnungen, Regeln und Maßnahmen sind nicht mehr überschaubar. Dazu will jeder Landesfürst seinen Schneehaufen für die nächste Wahl so schön wie möglich gestalten.

 

Doch: Kollabieren ist keine Lösung. Definitiv nicht. Der Mensch will, muss und kann überleben. "Man muss sich nicht alles von sich selbst gefallen lassen", zitiere ich da gerne den Psychiater Viktor E. Frankl. Wie die Natur im Übrigen auch. Die Natur lässt sich auch nicht alles gefallen. Auch sie wird oft bereinigt, ob durch Feuer, Wasser, Sturm, Erdbeben - irgendwie wird vieles danach wie bei einer Resettaste auf Null gesetzt und startet neu. Manchmal nutzt die Natur sogar ein Virus. Tragisch, aber es ist so.

 

Wie aber können wir dem psychischen Kollaps entgehen? Welche positiven Strategien gibt es, damit wir nicht durch Perspektivlosigkeit geblendet werden, denn auch das vermag der Schnee, wenn die Sonne sich in jedem kleinen Kristall spiegelt?

 

1. Mit anderen Menschen KOMMUNIZIEREN. Vor ein paar Tagen habe ich beim Gassigehen mit meinem Hund noch gedacht: Vor 20 oder 30 Jahren wäre eine solche Pandemie ein Wahnsinn gewesen. Einerseits wären wir zwar von manchen Nachrichten verschont geblieben, gleichzeitig aber hätten wir die sozialen Netzwerke nicht gehabt. Man kann über Facebook, WhatsApp, Twitter, Instagram - und wie sie alle heißen - schimpfen, wie man will, aber eines ermöglichen sie uns in diesen Monaten: Wir können trotz Kontaktbeschränkung kommunizieren. Daher REDEN wir mit anderen, SCHREIBEN wir, TELEFONIEREN wir, CHATTEN wir, VIDEOPHONIEREN wir! Machen wir uns gegenseitig Mut und Hoffnung. Am besten gelingt das, wenn wir VERSTEHEN, wie der andere sich fühlt. Kein falsches Mitleid, sondern echtes Verstehen.

 

2. Im Rahmen der Kontakte ist es hilfreich die gemeinsame Zeit in der Familie zu gestalten, zum Beispiel durch SPIELE. Gesellschaftsspiele, Brettspiele, Denkspiele, Rollenspiele - alles, was kompensatorisch wirken kann. Der "Homo ludens", der spielende Mensch, geht in die Kreativität hinein und hat dadurch einen Lustgewinn. Klar, wenn ich verliere oder mich ärgere beim Spielen, dann löst dies zunächst einmal auch Adrenalin aus, wie jede Anspannung, jeder kleine Stress, den man bei einem Spiel eben empfinden kann. Aber gleichzeitig sendet unser Gehirn auch durch den Spaß und das Ungezwungensein Endorphine aus, also verstärkt das GLÜCKSGEFÜHL. Darauf kommt es an. Du bist allein daheim? Auch über das Internet kann man Gesellschafsspiele und Rollen spiele auf Plattformen spielen - ein Zeitvertreib. Über die Gefahr, süchtig zu werden, brauche ich nichts zu sagen, das weiß mittlerweile jeder. Da ist ein "haushalten" angesagt.

 

3. Wählen wir die MUSIK bewusst aus, die wir tagsüber hören. Wenn ich in einer ohnehin schon belastenden Gesamtstimmung jeden Tag das Requiem von Mozart höre, dann mag das zwar hier und da für Klassikfreunde (ich liebe Mozart) eine Erbauung sein... gleiches gilt für Richard Wagner - aber viele Kompositionen sind schwer, machen zuweilen melancholisch. Nein! Es gibt wunderbare klassische und moderne Musikstücke, die Heiterkeit und Lebensfreude vermitteln. Nicht umsonst werden wir von den Radiosendern mit POP-Songs akustisch "beglückt" (was manchmal ob der Plattitüden in den Texten auch zum Davonlaufen ist - gut, dass die Texte auf Englisch sind!). Aber wähle deine Musik aus, die dich beschwingt sein lässt! Stille kann zermürben. Schau, wann du was brauchst. Auch hier ist haushalten angesagt.

 

Drei kleine Empfehlungen. Mir hilft es - obwohl ich Stille gewohnt und seit Monaten im Homeoffice und täglich mit vielen Menschen zu tun habe über Online-Coaching. Wir Menschen müssen und können wir die eigene Balance sorgen. Aber es gibt tatsächlich manche "Wesen", für die Corona kein Thema ist. Unser Hund und die beiden Katzen (wie auch die Fische in den Aquarien) scheren sich einen Dreck um Corona. Dafür suchen die Katzen die Nähe und nutzen die Zeit der Anwesenheit daheim, und mein Hund bringt mich täglich an die frische Luft und liebt das Schneeballfangen. Adrenalin und Endorphine pur.

 

Ansonsten: Kommunikation, Spiele, Musik. Um dem Kollabieren vorzubeugen.

Und da wäre noch was: Manchmal bete ich. Erzähle dem "Chef da oben" einfach meine Sorgen. Tut auch gut.

 

(c) 2021 by Rainer M. Müller