Wenn die Fassung flöten geht...

„Das hat er doch absichtlich gemacht!“ – „Warum versteht sie mich einfach nicht?“ – „Schon wieder dieser Tonfall!“

Kommt dir das bekannt vor? Und kurz davor, die Fassung zu verlieren? Dann bist du nicht allein. Viele Menschen wünschen sich, in Konflikten gelassen oder wenigstens etwas gelassener zu bleiben.

Aber was passiert wirklich? Sie erleben stattdessen Ärger, Kränkung, Rechtfertigungsdruck oder das Bedürfnis, sofort (verbal) zurückzuschlagen.

 
Dabei sind Konflikte zunächst einmal etwas ganz Normales. Überall dort, wo Menschen miteinander leben, arbeiten oder lieben, treffen unterschiedliche Bedürfnisse, Erwartungen und Sichtweisen aufeinander. Das Problem sind oft nicht die Konflikte selbst. Auseinandersetzungen gehören zum Alltag, zur Meinungsbildung, zur Darstellung meiner Werte und Überzeugungen. Aber ... die Kunst besteht darin, es so zu tun, dass der oder die andere mich verstehen kann. Das Ziel ist nach der Auseinandersetzung die "Zusammensetzung", also der Kompromiss oder der "Deal", wie wir mittlerweile sgaen.

 

Aber wo ist das Problem? Das Problem ist allerdings die Art, wie wir auf die Interventionen anderer reagieren. Denn: Wenn wir uns angegriffen fühlen, schaltet unser Nervensystem häufig in einen alten Überlebensmodus. Wir kämpfen, ziehen uns zurück, rechtfertigen uns oder versuchen verzweifelt, die Situation zu kontrollieren. Plötzlich geht es nicht mehr um das eigentliche Thema. Es geht darum, Recht zu behalten, sich zu verteidigen oder nicht verletzt zu werden. Für manche ist z.B. in der Diskussion um "veganes Essen" oder "normales Essen" die eigene Position nahezu existentiell. 

 

Ein Mann berichtete mir einmal, dass er bei Kritik seines Vorgesetzten sofort innerlich explodiere. Nach außen blieb er (einigermaßen) höflich. Sein Gesicht sprach allerdings die Sprache "Ich verliere gleich die Fassung!" -  Innerlich führte er mit sich stundenlange Streitgespräche. Im Verlauf der Therapie wurde deutlich, dass Kritik für ihn viel mehr bedeutete als eine sachliche Rückmeldung. Sie berührte alte Erfahrungen, in denen er sich nie gut genug fühlte. Sein Körper reagierte auf die Gegenwart, als würde die Vergangenheit erneut stattfinden.

 

 

Eine Klientin geriet regelmäßig in Streit mit ihrem Partner. Jede Meinungsverschiedenheit fühlte sich für sie wie eine Bedrohung der Beziehung an. Erst nach und nach erkannte sie, dass nicht der Konflikt selbst ihr Angst machte, sondern die alte Erfahrung, verlassen zu werden. Dadurch bekam jede kleine Auseinandersetzung eine viel größere Bedeutung, als sie eigentlich hatte.

 

 

Genau hier liegt ein wichtiger Schlüssel. Konflikte bestehen oft aus zwei Ebenen. Da ist die aktuelle Situation, und da ist das, was sie in uns auslöst. Wer nur auf das Verhalten des anderen schaut, übersieht häufig den eigenen inneren Anteil.

 

Gelassenheit bedeutet deshalb nicht, alles hinzunehmen oder sich alles gefallen zu lassen. Gelassenheit bedeutet auch nicht, keine Gefühle mehr zu haben. Sie bedeutet vielmehr, einen inneren Abstand zwischen Reiz und Reaktion entstehen zu lassen. Einen Moment, in dem wir wahrnehmen können: „Da passiert gerade etwas in mir.“ Der Raum zwischen Reiz und Reaktion ist der Raum meiner Möglichkeiten.

 

In diesem Moment entsteht Freiheit. Die Freiheit, nicht automatisch zu reagieren. Die Freiheit, nachzufragen statt anzugreifen. Die Freiheit, Grenzen zu setzen, ohne verletzend zu werden. Die Freiheit, sich selbst treu zu bleiben.

 

 

Hilfreich kann dabei eine einfache Frage sein: „Worauf reagiere ich gerade wirklich?“ Geht es um die aktuelle Situation? Oder berührt sie etwas, das schon viel älter ist?

 

Oft verändert allein diese Frage die Perspektive. Aus dem Gedanken „Der andere macht mich wütend“ wird vielleicht: „Ich merke, dass mich diese Situation an etwas erinnert.“ Damit verschwindet der Konflikt nicht. Aber wir gewinnen wieder Einfluss auf unser Handeln.

 

 

In der Gestalttherapie betrachten wir Konflikte deshalb nicht nur als Störungen, sondern auch als Chancen. Sie zeigen uns häufig etwas über unsere Bedürfnisse, unsere Grenzen, unsere Verletzungen und unsere ungelebten Anteile. Wer bereit ist hinzuschauen, kann aus Konflikten viel über sich selbst lernen.

 

Innere Freiheit entsteht nicht dadurch, dass es keine schwierigen Menschen mehr gibt. Sie entsteht dadurch, dass wir nicht mehr von jeder Kritik, jedem Missverständnis oder jeder Provokation automatisch gesteuert werden.

 

Vielleicht wird es auch in Zukunft Konflikte geben. Wahrscheinlich sogar. Doch du kannst lernen, ihnen anders zu begegnen. Mit mehr Bewusstheit. Mit mehr Selbstkontakt. Mit mehr Gelassenheit.

 

Denn wahre Stärke zeigt sich nicht darin, jeden Konflikt zu gewinnen. Wahre Stärke zeigt sich darin, sich selbst nicht zu verlieren.

 

 

Traumasensible Begleitung und Lebensberatung kann dir dabei helfen.
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