Minderwertigkeit und Bewertung - Der Anfang der Leistungsfalle!

„Warum schaffe ich das nicht so gut wie die anderen?“ Dieser Gedanke begleitet viele Menschen über Jahre hinweg. Sie vergleichen sich mit Kolleginnen und Kollegen, mit Freunden, mit Geschwistern oder mit den scheinbar perfekten Menschen in den sozialen Medien. Während sie bei anderen vor allem Erfolge sehen, richten sie den Blick auf die eigenen Schwächen. Das Ergebnis ist ein nagendes Gefühl: Ich bin nicht gut genug.

 

Vielleicht kennst du das: Du erhältst Lob für deine Arbeit, kannst es aber kaum annehmen. Stattdessen denkst du: „Das war doch nichts Besonderes.“ Ein kleiner Fehler hingegen beschäftigt dich tagelang. Oder du hast das Gefühl, immer noch mehr leisten zu müssen, um endlich anerkannt zu werden. Doch dieses Ziel rückt mit jeder Anstrengung weiter in die Ferne.

Eine Klientin sagte einmal zu mir: „Wenn ich früher in der Grundschule eine Eins bekam, habe ich mich gefragt, warum es keine Eins mit Sternchen geworden ist. Wenn ich eine Zwei bekam, fühlte ich mich wie eine Versagerin.“  Was sie beschrieb, war kein Mangel an Leistung, sondern ein unerbittlicher innerer Kritiker, der nie zufrieden war. Aber es war noch etwas: Es war die Konditionierung, die wir seit frühsten Kindheitstagen kennen, ständig von anderen bewertet zu werden. Wir sind nur dann gut, wenn ... wir entspechend etwas geleistet haben, uns so oder so verhalten haben, dies oder jenes gesagt haben usw. 

Ein anderer Klient hatte beruflich viel erreicht. Man könnte sagen: Eine Bilderbuchkarriere hat der 46jährige hingelegt, ganz wie der Papa" sagten Angehörige. Nach außen wirkte er selbstbewusst und erfolgreich. Innerlich lebte er jedoch mit der ständigen Angst, irgendwann würden alle merken, dass er eigentlich gar nicht so kompetent sei. Jeder Erfolg wurde sofort relativiert, jeder Fehler schien ein Beweis für sein vermeintliches Versagen zu sein. Der Druck von außen, so zu sein, wie sein Vater, ihm nachzueifern und innerlich zu spüren, wie sehr gerade das aufrieb... macht Menschen krank.

Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, beschrieb den Menschen als ein Wesen, das nach Bedeutung, Zugehörigkeit und persönlichem Wachstum strebt. Minderwertigkeitsgefühle gehören zunächst zu jedem Leben dazu. Sie können uns motivieren, Neues zu lernen und uns weiterzuentwickeln. Problematisch werden sie erst dann, wenn aus dem Gefühl „Ich kann etwas noch nicht“ die Überzeugung wird: „Ich bin nicht gut genug.“  Dann wird jeder Vergleich mit anderen zu einer Bestätigung des eigenen negativen Selbstbildes.

 

Auch in der Gestalttherapie begegnen wir diesem Thema häufig. Fritz Perls sprach davon, dass viele Menschen nicht ihr eigenes Leben leben, sondern ständig versuchen, Erwartungen anderer zu erfüllen. Sie orientieren sich daran, wie sie sein sollten, und verlieren dabei den Kontakt zu dem, was sie wirklich sind. Zwischen dem realen Selbst und dem idealisierten Selbst entsteht eine immer größere Lücke. Je größer diese wird, desto stärker wachsen Selbstzweifel, Scham und das Gefühl, nicht zu genügen.

Dabei beginnt Veränderung oft mit einer einfachen, aber ungewohnten Frage: Wer sagt eigentlich, dass ich so sein muss?  Viele Glaubenssätze stammen aus früheren Erfahrungen. Vielleicht hast du als Kind nur dann Anerkennung bekommen, wenn du gute Leistungen erbracht hast. Vielleicht wurden Fehler stark kritisiert oder deine Bedürfnisse spielten kaum eine Rolle. Solche Erfahrungen prägen unser Selbstbild oft weit über die Kindheit hinaus.

 

Eine kleine Übung aus der Gestalttherapie kann helfen, den inneren Kritiker bewusster wahrzunehmen. Nimm dir einen Moment Zeit und schreibe die Sätze auf, die du dir selbst am häufigsten sagst. Vielleicht lauten sie: „Das reicht nicht.“ oder „Du musst dich mehr anstrengen.“ oder „Andere können das besser.“ Lies sie anschließend laut vor und frage dich: Würde ich so mit einem guten Freund sprechen? Allein diese Frage eröffnet oft eine neue Perspektive.

 

Ebenso hilfreich ist es, den Blick bewusst auf das zu richten, was bereits gelungen ist. Notiere am Abend drei Dinge, die dir an diesem Tag gelungen sind, ganz gleich, wie klein sie erscheinen mögen. Nicht um dich künstlich positiv zu stimmen, sondern um deinem Gehirn zu helfen, auch die gelungenen Seiten deines Lebens wahrzunehmen. Menschen mit geringem Selbstwert sind häufig Meister darin, Erfolge zu übersehen und Fehler zu vergrößern.

 

In der therapeutischen Arbeit geht es deshalb nicht darum, dir einzureden, dass du perfekt bist. Es geht vielmehr darum, den Satz „Ich bin nur wertvoll, wenn…“  Schritt für Schritt loszulassen. Wirklicher Selbstwert entsteht nicht durch Leistung, Perfektion oder den Vergleich mit anderen. Er wächst dort, wo du lernst, dich mit deinen Stärken und Schwächen als ganzer Mensch anzunehmen. Der Philosoph Søren Kierkegaard schrieb: „Das größte Wagnis besteht darin, man selbst zu werden.“  Genau darum geht es auch in der Gestalttherapie. Nicht jemand anderes werden zu müssen, sondern immer mehr der Mensch zu sein, der du bereits bist. Zum Schluss ein Gedanke von dem von mir sehr geschätzten Gründer der Gesprächstherapie, Carl Rogers, der einmal sagte: „Das merkwürdige Paradox ist: Wenn ich mich so akzeptiere, wie ich bin, dann kann ich mich verändern.“  Selbstannahme ist deshalb kein Zeichen von Resignation. Sie ist oft der Anfang echter Entwicklung.

Integrative Gestalttherapie und traumasensible Begleitung können dir helfen, belastende Glaubenssätze zu erkennen, deinen inneren Kritiker zu verstehen und Schritt für Schritt ein freundlicheres, tragfähigeres Verhältnis zu dir selbst aufzubauen. Denn du musst nicht perfekt sein, um wertvoll zu sein.