Integrative Traumatherapie
Der SABI-Weg zur Heilung

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Was die Seele belastet

Was auch immer wir im Leben erlebt haben - es hat seine Spuren hinterlassen. Die erste traumatische Erfahrung, die wir mit allen Menschen teilen, war unsere Geburt, selbst dann, wenn sie absolut gut verlaufen ist. Das Verlassenmüssen der vertrauten, sicheren Umgebung in enger Symbiose mit der Mutter ist für alle Menschen eine erste traumatische Erfahrung. Treten dann noch Komplikationen hinzu, wird sich die Belastung für die Seele dauerhaft im Körper eingravieren.

 


 

Der menschliche Leib hat ein eigenes "Gedächtnis" und somit wird jede Erfahrung von Kränkung, plötzlicher Bedrohung und Gefahr, Gewalt verbunden mit Ohnmacht zu einer "Störung", die wir auch posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) nennen.

 

Menschen erleben schwere Unfälle, erkranken oder werden Opfer von Naturkatastrophen. Andere müssen furchtbare Erfahrungen erheblicher psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt oder schwere Verlust- und Vernachlässigungserfahrungen machen. Dies alles wird als traumatisierend erlebt und ruft in der Regel bei den Betroffenen eine tiefe seelische Erschütterung hervor.

 

Für unser angeborenes biologisches Stresssystem wird dies zu einer Überforderung. Unser Gehirn wird mit dem Stresshormon Cortisol überflutet, und das behindert die angemessene Verarbeitung des Erlebten. Statt das Erlebte zu reflektieren und quasi in einem Erlebnisspeicher abzulegen bzw. zu integrieren (um auch wieder Distanz dazu zu bekommen), löst es ein komplexes Alarmsystem im Körper und im Verstand aus: STRESS.

 

Der Organismus verharrt auf diesem erhöhten Stressniveau und entwickelt charakteristische Folgebeschwerden, wie z.B. wiederholtes Erleben / plötzliches Erinnern des traumatischen Ereignisses ("Flashback") verbunden mit Angst, Panik oder Aggression und der Vermeidung von allem, was mit dem traumatischen Ereignis assoziiert wird. Häufig treten auch Schlafstörungen oder Schmerzen auf.

 

Integrative Traumatherapie ermöglicht mit ihren verschiedenen Techniken mehrerer Therapieformen einen ganzheitlichen therapeutischen Ansatz, der zunächst zur


Stabilisierung (S), danach zur
Akzeptanz (A), als dann zum

Bearbeitung (B) (oft auch Traumaexposition genannt),
schließlich zur Integration (I) führt.

 

Dieser Prozess, den ich mit den Buchstaben SABI abkürze, hat langfristig das Ziel einer Heilung. In der Fachliteratur werden oft nur drei Schritte benannt, der Aspekt der Akzeptanz wird oft nicht eigens erwähnt, ich halte ihn aber für einen wesentlichen Schritt. Er beinhaltet zwei Erkenntnisse: Zum Einen, dass es tatsächlich so war und nicht einfach rückgängig zu machen ist, es hat also Wahrheitsgehalt. Das ist deshalb umso wichtiger, als dass Opfern von Gewalttaten oft nicht geglaubt wird. Die Akzeptanz beinhaltet hier also auch das Fürwahrhalten und Akzeptieren der Tatsächlichkeit. Der zweite Aspekt liegt in der Akzeptanz, dass es "vorbei" ist. Auch diese Erkenntnis ereignet sich nicht von heute auf morgen. Sie wächst, aber irgendwann kommt der Punkt, wo ein traumatisierter Mensch fühlt und erkennt: Es ist (endlich) vorbei.

 

Es wird keine Heilung in diesem Sinne sein, dass ein betroffener, traumatisierter Mensch nichts mehr fühlt oder erinnert. Wie nach einem Fahrradunfall tragen wir oft eine Wunde, eine Narbe, die uns an das Ereignis erinnert, mit uns herum. Unser Körper vergisst nichts, ebenso das Unbewusste. Aber wir können es schaffen, dass wir anders damit umgehen. Oder um es mit den Worten Viktor Frankls zu sagen: "Es kommt nicht darauf an, WAS man erleidet, sondern WIE man es auf sich nimmt."

Also das WIE im Umgang mit dem erfahrenen Leid ist das Entscheidende. Integrative Traumatherapie hilft bei der Suche nach genau diesem WIE.

 

Traumatherapeutische Kunst-Intervention von Rainer M. Müller (c) 2023

Sieben Erkenntnisschritte bilden den Rahmen einer traumatherapeutischen Begleitung:

 

1. ES IST VORBEI!

Hier geht es um das Annehmenkönnen der Tatsächlichkeit als abgeschlossenes Ereignis der Vergangenheit.

 

2. ALLES IST GUT.

Als Kinder haben wir (hoffentlich) öfter diese Aussage gehört. Sie meint nicht, dass da "nichts" gewesen ist, sondern, dass der betroffene Mensch jetzt in Sicherheit ist.

 

3. STEH WIEDER AUF!

Als Kleinkinder im Krabbelalter haben wir es gelernt: Nach dem Hinfallen aufzustehen. Nicht liegen bleiben ist hier das Entscheidende - in die eigene Wirkmacht kommen!

 

4. GEH RUHIG WEITER!

Als wären wir kleine Kinder, die sich tastend langsam Schritt für Schritt bewegen. Keine Panik, keine Angst. Schritt für Schritt das Leben neu erkunden. Vertrauen aufbauen.

 

5. ES WIRD ANDERS.

Es wäre eine Utopie zu hoffen oder zu erwarten, dass der alte Zustand vor dem Traum wieder hergestellt werden kann. Manche glauben, dass es besser wird. Jegliche Bewertung (besser, richtiger, gut) hilft hier nicht. Das Wort "anderes" öffnet den Horizont, dass wir offen bleiben für das, was kommt.

 

6. DU BIST WERTVOLL!

Unsere Würde wiederzufinden ist der entscheidende Erkenntnismoment! Würde heißt auch wertvoll zu sein, eben nicht ein "Stück Dreck am Boden", sondern stehend im Leben, mit einer Krone auf dem Kopf.

 

7. FÜHL DICH GELIEBT!

Traumatisierte Menschen glauben oft, dass das nicht nur das Leben, sondern niemand auf der Welt, nicht einmal Gott (für Gläubige) sie noch liebt, denn: Warum wurde mir das zugemutet? Doch die Erfahrung zu machen, dass wir trotzdem (!) geliebt sind und gerade deshalb löst den Transformationsprozess aus, der dann auch in die Integration alles Erlebten münden kann.

 

 

Bemalte Tonkugel einer Kollegin im Rahmen einer traumatherapeutischen Intervention.

 

Für welche traumatisierenden Erlebnisse

hilft eine Traumatherapie?

 

- subjektiv erlebte Lebensbedrohung

- schwere Erkrankungen / Operationen / medizinische Eingriffe

- Erleben von (sexuellen) Gewalttätigkeiten, körperliche Misshandlung

- Erleben von psychischer Gewalt (persönliche Angriffe, Schmähungen,

   lang andauernde Manipulation, Mobbing, emotionaler oder spiritueller Missbrauch)

- Erleben und Beobachten von Naturkatastrophen

- Kriegserfahrungen, Kampfeinsatz

- Konfrontation mit entstellten oder verstümmelten menschlichen Körpern

- Folter

- Vertreibung, Fluchterlebnisse mit Panik und Lebensbedrohung

- Terroristischer Anschlag

- Tod von Angehörigen (auch mehrere Todesfälle in kurzer Zeitabfolge)

- Unfälle

- Scheidung oder Trennung

- traumatisierende Geburtserleben

- Tod oder schwere Verletzung eines andern Menschen verursacht zu haben

- ausgeprägte emotionale oder körperliche Vernachlässigung der Kindheit

- Konfrontation mit Traumafolgen als Helfer/in, z.B. bei Rettungseinsätzen

 

Sie fühlen sich betroffen und brauchen Hilfe?